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Stian Westerhus

Monheim Papers Anti-Musik und der Klang der Freiheit von Alexander Mayor
Stian Westerhus
Stian Westerhus
Photo: Stian Westerhus. Anne Valeur für Monheim Triennale

Man hört wirbelnde Industrial-Klänge, ganz entfernt und dann plötzlich ganz nah, inmitten des Strudels tauchen melodische Strukturen auf, wie schemenhaft erkennbare Säulen im Nebel. Mit seinem wehklagenden, oft stark beanspruchten Bariton macht Stian Westerhus eine Art von unwirklicher Folk-Musik, die in der Vorstellung wie Lagerfeuer-Melodien im Schatten von großen und gewaltigen Industriegebäuden ertönen. Es sind Kompositionen, die beladen sind mit langsam sich entfaltenden Bedeutungen, wobei das Experimentelle vorübergehend durch vertrautere Strukturen gebändigt wird. Stakkatoartige Klangergüsse und glitchende Gitarren entwickeln ein Eigenleben unter dem Stimmengegrummel und bilden eine detailreiche Kulisse hinter einem geheimnisvollen Akteur.

Nach einer Karriere als zielstrebiger musikalischer Abenteurer, mit Auftritten als Solist oder mit Jazzern wie Puma und Jaga Jazzist, hat sich Stian Westerhus scheinbar auf dem Gipfel seines eigenen Berges niedergelassen.
Der britische Musiker und Autor Alexander Mayor sprach mit Stian über musikalische Entwicklungen, das richtige Maß an Respektlosigkeit gegenüber dem Jazz und seine Auftritte bei der Monheim Triennale im Juni 2022.

Angesichts der vielen Dinge, die du mit dem Instrument machst, nehme ich an, dass deine musikalische Reise mit der Gitarre begonnen hat, richtig?

Ja, ich war ein Gitarrist, ich habe Jazzmusik studiert. Ich habe versucht, Jazzgitarrist zu werden und habe von 1999 bis 2002 in London studiert. Dort bin ich dann noch ein paar Jahre geblieben und habe versucht, über die Runden zu kommen. Anschließend bin ich nach Norwegen umgezogen und habe jede Menge Projekte gemacht, was großartig war, denn mal ehrlich, Musiker in London zu sein ist ein harter Job? Wahnsinnig hart. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mit weniger Geld nach Hause kam, als womit ich rausgegangen war!
Ich bin in Norwegen auf dem Land aufgewachsen, aber weißt du, in den Achtzigern und Neunzigern war da nicht so viel los. Doch es gab nur einen oder zwei klassische Plattenläden, Tausende von Vinyl-LPs, und zum Glück hatte meine ältere Schwester ein paar Freunde, die sich sehr für Musik interessierten, und sie kopierten Kassetten für mich und so. So bin ich mit einer großen Bandbreite an Musik aufgewachsen. Alles von Mainstream über richtig Heavy Rock und Metal bis hin zu Prog und britischer Psychedelia.

Du musst ein Fan von Hawkwind sein, richtig?

Ha! Nun ja, ich war ein großer Fan von Gong... Und ich weiß noch, wie ich King Crimson zum ersten Mal gehört habe – mein Gehirn fühlte sich an, als würde es gleich explodieren. Dann Punk-Sachen, meine erste CD war „Combat Rock“ von The Clash. Politische Musik war schon immer ein Teil von dem, was ich mache, denke ich, das ausdrucksstarke Element, das dabei entsteht. Deshalb mochte ich Heavy Metal, glaube ich, die Energie darin, es ist die gleiche Energie, die man auch in zeitgenössischer klassischer Musik vorfindet. In Paris wurde ich sogar aus dem Konservatorium rausgeworfen, weil ich das gesagt habe!

Schon erstaunlich, dass sie immer so aufgeschlossen sind, oder? Man hört oft, dass Leute, die an einer Musikhochschule studieren, sich entweder voll und ganz darauf einlassen oder sie mit dem Vorsatz verlassen, sie niederzubrennen... War das auch deine Erfahrung?

Ja, auf jeden Fall. Ich meine, ich habe eine Jazz-Ausbildung angefangen und dachte, dass Jazz freie Improvisation ist. So wenig wusste ich über die Welt des Jazz! Ich habe schnell gemerkt, Scheiße, was zum Teufel mache ich da? Aber eine Jazz-Ausbildung ist wie Geschichte, eine Toolbox, und von der Warte her ist es toll. Es ist großartig für das Gehör. Aber ja, es gab einen echten Wendepunkt, als ich nach Norwegen zurückkehrte. Ich dachte: Okay, wenn ich das mache, muss ich mich so richtig reinknien. Und so arbeitete ich Tag und Nacht und versuchte, mit allen zu spielen.
Ich fühlte mich durch diese formale Jazz-Seite richtig blockiert und fragte mich, ob es erstrebenswert war, ein unterdurchschnittlicher Jazz-Gitarrist zu sein. Oder sollte ich einfach nur spielen und Spaß haben?
Und ich erinnere mich, dass ich wieder in meinen Proberaum zurückging und eine halbe Stunde lang wirklich frei spielte. Das war also der Anfang des Soloprojekts. In dieser Nacht dachte ich: Okay, da gibt es etwas. Es hört sich jetzt noch wie Mist an, aber das ist es, das ist der Funken. Ich musste im Grunde den Respekt vor dem Jazz loswerden.

Nun, du hast wahrscheinlich eine lange und gesunde Karriere mit Auftritten in italienischen Restaurants verpasst...

... und schlechte Gigs bei geschäftlichen oder privaten Empfängen in North London!

Also erzähl mir ein bisschen darüber, wie sich dein Ansatz zum Musikmachen entwickelt hat.

Viele Leute, die ich kennenlernte, standen auf Free Jazz aus den sechziger und siebziger Jahren. Ich entdeckte viele norwegische Musiker, die genau das machten und sich fragten: „Ist das Jazz? Ist es das nicht? Ist mir scheißegal. Ich werde das hier machen.“ Und das fühlte sich dann wirklich frei an. Es gab ein Gefühl von Freiheit, und gleichzeitig entstand daraus mein Soloprojekt, das mitten im Punk steht – für mich ist es fast Anti-Musik, es ist in gewisser Weise Anti-Establishment. Es war meine Art, mich von all diesen idiomatischen Strukturen zu lösen, zwar immer noch mit der Gitarre, sie dann aber als Werkzeug einsetzte.

Stian Westerhus
Photo: Stian Westerhus. Anne Valeur für Monheim Triennale

Die E-Gitarre hat es trotz ihrer langen Geschichte in der Popmusik immer geschafft, ein recht verspieltes Instrument zu bleiben, das man anhand von Technik in verschiedene Richtungen lenken kann...

Ja. Aber sie ist auch eines dieser Instrumente, das ein bisschen wie ein Synthesizer ist, oder? Wann hast du zum Beispiel zuletzt einen sehr persönlichen Klang aus einem Synthesizer gehört? Also, ich verstehe schon, was du meinst. Es ist sehr, sehr einfach, etwas Elektronik aufzusetzen und es dann modern oder hitverdächtig oder ausdrucksstark oder was auch immer klingen zu lassen. Und ja, das ist zumindest eines der Dinge, die ich an der Gitarre so schwierig finde: Es ist so einfach, Elektronik hinzuzufügen, und dann bist du in all diesen idiomatischen Strukturen gefangen, die Teil der Geschichte der modernen Popmusik sind. Wie schaffst man es, dem zu entkommen (vorausgesetzt, man muss)?

Ich wollte dich nach deinem Prozess fragen. Ich habe mir deine letzten LPs angehört und sie sind stellenweise wunderschön, ziemlich wild und düster, aber ich war auch von ihrer Form beeindruckt – an manchen Stellen konnte ich nicht sagen, wie diese Musik geschrieben oder komponiert wurde.

Wenn du dir die beiden Soloalben [„Amputation“, „Redundance“] anhörst, sind sie beide in zwei Phasen entstanden – wobei die eine Phase fast wie Songwriting ist. Du kannst diese Tunes hören, die eigentlich sehr, sehr einfach strukturiert sind. Es gibt eine einfache Melodie und vielleicht eine Bass Line, ein paar Akkorde und dann geht es in einen Refrain über oder was auch immer. Dann gibt es noch das Element der Kontextualisierung durch die Produktion, wobei die Produktionsweise in das Songwriting miteinfließt.
Deshalb arbeite ich in meinem eigenen Studio, was ich schon seit vielen Jahren so handhabe, um viel Zeit mit der Klangproduktion zu verbringen und sie sozusagen Teil der Komposition werden zu lassen.
Wenn ich die Musik spiele, muss ich mich entscheiden: Entweder ich versuche, sie wie „das Album“ klingen zu lassen, was ich nie getan habe, oder ich nehme diese einfachen Kompositionen und improvisiere noch einmal zu ihnen, wie ich es im Studio mache. Das mache ich dann einfach dort. Und das ist für mich einer der Prozesse, die mir sehr am Herzen liegen. Ich nehme die Musik und verinnerliche sie so sehr, dass jeder Song ein zentrales musikalisches Element hat, das ich auch in einer improvisierten Umgebung spielen könnte. Das bedeutet, dass ich bei meinen Solo-Sets nicht einmal eine Set-Liste zusammenstelle. Ich gehe einfach auf die Bühne ... und spiele. Oh, es gibt schon eine Melodie... aber dann nimmt sie eine ganz andere Form an. Und das ist keine sehr bewusste Sache. Früher dachte ich, Improvisation sei etwas, das ich auf eine Melodie oder zwischen die Melodien setzen muss, aber jetzt sehe ich meine Rolle eher darin, dass ich die von mir produzierten musikalischen Gebilde „manage“.

Ist das, wie du auch in Monheim spielen wirst?

Ja, genau. Ich bringe sogar das Trio mit, denn das sind die einzigen Leute, mit denen ich das machen kann. Es ist einfach unglaublich. Wir können damit einfach auf die Bühne gehen und das, obwohl wir anderthalb Jahre nicht mehr gespielt haben. Ich dachte, werden sie sich daran erinnern, wie diese Musik funktioniert?
Und da waren wir, auf der Bühne und spielten zwei Stunden später immer noch! Aber nochmals: Es ist keine bewusste Sache. Es ist eine Art, der geschriebenen Musik mit Respekt, aber auch mit einer großen Portion gesunder Respektlosigkeit zu begegnen. Wenn die Band eine Ballade wirklich schnell und laut spielen will, warum nicht?

Auch die Art und Weise, wie du deine Stimme einsetzt, ist sehr interessant. Du singst mal krächzend, dann wieder mit einem fast überirdischen Klang. Wie gehst du an das Singen heran?

Ja, es ist das interessanteste Instrument, nicht wahr? Es ist lustig, ich habe schon so viele freie und professionelle Instrumentalkonzerte gespielt, mit Kollaborationen und so weiter. Und das Publikum reagiert darauf zum Beispiel mit „Ja, das ist okay...“ Und dann der Moment, wenn jemand auf der Bühne etwas in ein Mikrofon spricht, sind plötzlich alle aufmerksam und „was passiert da?!“ Unsere Stimmen haben einfach diese Kraft.
Für mich war das Singen am Anfang wirklich beängstigend, denn als ich als Teenager in Bands gesungen habe, hat es einfach nur Spaß gemacht. Aber wenn man zu viel musikalische Bildung genossen hat, fängt man an zu denken, dass es ein „richtig und falsch“ gibt. Das war beängstigend. Das war hart. Ich hatte eine Vorstellung davon, was ich machen wollte, aber ich glaube, es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich mich damit wirklich wohl gefühlt habe, um ehrlich zu sein.
Ich denke, dass ich das Singen jetzt genauso handhabe, wie mein Gitarrenspiel – es ist genau so frei. Und so kann es manchmal wie Gekrächze klingen und manchmal kann es auf andere Weise sehr ausdrucksstark sein.

Stian Westerhus
Photo: Stian Westerhus. Anne Valeur für Monheim Triennale

Wir sind rund um die Uhr von Musik umgeben. Hörst du da manchmal etwas, das einfach nur lächerlich kommerziell ist und denkst: „Mann, ich wünschte, ich hätte das geschrieben?“

Na und ob! Andauernd. Manchmal, wenn ich Popmusik höre ... Meine Tochter hat mir von dieser norwegischen Sängerin Sigrid erzählt ... Da gibt es so einen Song, der so eingängig ist. Ich fühlte mich echt „abgeholt“. Ich höre es mir immer wieder mit meiner Tochter an und denke: „Das ist toll“. Andererseits bedeutet diese Art der Offenheit gegenüber eingängigen Popsongs, dass sie sich einschleichen und Teil des Musikvokabulars werden können. Natürlich in einem neuen Kontext mit all dem hochexplosiven Zeug darin, aber in meinem Herzen ist definitiv Platz für viele Arten von Musik.

Du hast kürzlich erwähnt, dass du ein neues Album fertiggestellt und gemastert hast – wird das die Grundlage für deinen Monheim-Auftritt sein?

Das neue Album ist, glaube ich, der letzte Teil einer Trilogie von Alben, die mit „Amputation“ und dann „Redundance“ begann. Das neue Album wurde auf ähnliche Weise geschrieben, es enthält viele der gleichen Themen und persönlichen Texte. Das neue Album hat irgendwie ein abschließendes Element. Wie es danach weitergeht, weiß ich wirklich nicht.

Künstlerseite Stian Westerhus Signature Project: Stian Westerhus „Stian Westerhus Trio“