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Sam Amidon

Monheim Papers Der Reworker: Sam Amidon von Christina Mohr
Photo: Sam Amidon. John Spinks für Monheim Triennale

Künstlerinnen und Künstlern wird gerne das Attribut der Vielseitigkeit attestiert– nicht immer trifft das auch zu, im Fall von Sam Amidon jedoch in ganz besonderem Maße. Seine Folkmusik vereint in sich multiple neue und alte Strömungen. Was jedoch nicht bedeutet, dass er in der Kategorie des Folkmusikers verharrt. Der musikalische Ansatz des Multiinstrumentalisten (er spielt Geige, Banjo, Gitarre, Piano) ist letztlich genrenlos, jedes seiner Alben klingt anders und doch unverkennbar nach ihm selbst.

„Folk ist meine Basis“, führt Sam aus und bezieht Jazz-, Pop- und Klassikeinflüsse mit ein, die seine Musik so individuell wie traditionsverbunden wirken lassen. „Ich glaube an einen globalen Flow der Musik. Aber ich glaube auch an musikalische Sprachen – oder Genres –, die ihre eigene Logik und Traditionen haben und in die man viel Zeit investieren kann, um sie zu beherrschen. Aber gleichzeitig sind diese Sprachen immer in Bewegung und verändern sich, wenn sie auf andere Musikstile und Sprachen treffen.“

Auf die Frage, ob er auch elektronische Instrumente einsetzt, antwortet Sam: „Ich weiß nicht wirklich, wie man elektronische Musikinstrumente benutzt, aber zu verschiedenen Zeiten waren sie in meiner Musik sehr präsent, wenn andere Musiker sie einbrachten. Mir liegt sehr viel daran, dass ein Instrument ein 'menschliches' Gefühl vermittelt, aber das kann mit jedem Medium erreicht werden, egal ob akustisch oder elektrisch.“

Photo: Sam Amidon. John Spinks für Monheim Triennale

Mit Vorliebe überarbeitet er beispielsweise bekannte Folksongs, was nicht mit üblichen Coverversionen gleichzusetzen ist. Sam selbst nennt seine Methode „Reworking“. Er nähert sich dem Folk wie ein Jazz-Improvisator. Er nimmt eine Melodie von hier, leiht sich einen Text von dort und verbindet die Versatzstücke mit seinen eigenen überraschenden Akkordfolgen und Arrangements. Diese einzigartige Arbeitsweise brachte ihm schon jede Menge Lorbeeren ein: Spätestens seit dem Album „Lily-O“ von 2014 zollen ihm traditionsbewusste Folkies ebenso Respekt wie Indie-Hipster.

„Folkmusic gehört allen“, sagt Amidon, „oft weiß man nichts über die Urheberschaft, nicht immer gibt es Niederschriften oder Noten. Viele bekannte Stücke wurden nur nach Gehör gespielt und weitergereicht, veränderten sich im Lauf der Zeit.“ Diese „living music“ bietet Raum für Improvisationen und Modifikationen.
Was sich gut am Song „Cuckoo“ nachvollziehen lässt. Ursprünglich ein englisches Volkslied namens „The Cuckoo / Coo-Coo Bird“, wurde es 1929 vom amerikanischen Folksänger Clarence Ashley für Columbia Records erstmals auf Schallplatte aufgenommen. Inzwischen gibt es weit über hundert bekannte Aufnahmen, unter anderem von so unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern wie Townes Van Zandt, Kristin Hersh und Taj Mahal. Im Zentrum von Amidons Version steht das Banjo, jedoch wirkt der Song viel sanfter als es die älteste Aufnahme vermittelt.

Neben Traditionals und Folksongs reworkt Amidon auch Popsongs, zum Beispiel „Walking On Sunshine“ von Katrina & The Waves, Mariah Careys „Shake It Off“ oder „Relief“ von R. Kelly (!). Der Effekt ist verblüffend: Durch Amidons Bearbeitung verschwinden die Grenzen zwischen traditioneller und zeitgenössischer Musik. Er fördert die Seele eines Stücks zutage und ermöglicht eine völlig neue Rezeption. „Ein Song muss zu mir sprechen, das Genre ist egal“, sagt Sam. „Allerdings bildet Folkmusic ein so viel breiteres Themenspektrum ab als Pop. Das hat mich schon immer begeistert. Popsongs drehen sich überwiegend um Liebe, boy meets girl. Das ist auch toll, aber im Folk geht es um so viel mehr. Folksongs erzählen von mühseliger Arbeit in Bergwerken oder auf den Baumwollfeldern, vom Bau der Eisenbahn, von Abenteuern, vom Unterwegssein, von Armut und Gewalt. Es gibt murder ballads und crime stories – wie heute im HipHop.“ Auf die Frage, ob er sich auch Rap für seine Reworks vorstellen könnte, muss er lachen: „Vielleicht fange ich noch an zu rappen, wer weiß?“ Mit der 15jährigen Tochter seiner Frau und dem gemeinsamen 10jährigen Sohn sei ohnehin „a lot of hiphop in the house“.

Vielseitig zu sein heißt für Sam Amidon nicht nur als Musiker aktiv zu sein, sondern zum Beispiel auch als Comiczeichner und Videokünstler. Er veröffentlichte 2011 seine gesammelten Tweets „Notes On The Twitterographer“ als Buch, in den frühen 2000er Jahren trat er mit seinem Multimedia-Programm „Home Alone Inside My Head“ auf, kombinierte auf der Bühne Storytelling, Videos und Musik. Außerdem bietet er im Internet Fiddle- und Banjo-Tutorials an, was auf einen gewissen Pragmatismus schließen lässt. Obwohl ihm das Musizieren quasi angeboren ist (dazu später mehr), gab es sogar eine Zeit, in der Amidon seine Fiddle nicht anrührte, stattdessen in einem journalistischen Büro arbeitete und Interviews transkribierte. In einem Interview mit der Irish Times erklärte er vor einigen Jahren sinngemäß, dass er keine Notwendigkeit verspüre, auf einer gedachten Karriereleiter hochzuklettern.

Hippies, Schwarze Musiker & Appalachian Music

Dass er nach der selbstverordneten Auszeit glücklicherweise zur Musik zurückfand, verdankt sich seiner Freude am kreativen Austausch. Mit anderen gemeinsam Musik zu machen, bestimmt Sams Leben von Anfang an: Er ist der Sohn von Mary Alice und Peter Amidon, die, nachdem sie in den frühen 70er Jahren mit Folkmusic in Kontakt gekommen waren, von Cambridge/Massachusetts nach Vermont gezogen sind und sich der sozialkritischen Bread and Puppet Theater-Gruppe angeschlossen und auf einer Farm gelebt haben. „Ich bin inmitten dieser großen Gemeinschaft von Musikerin und Musikerinnen aufgewachsen, das hat mich und meinen jüngeren Bruder sehr geprägt. Meinen Eltern kam es sehr auf das Soziale an.“ Auf Nonesuch Records (wo auch Sams Platten erscheinen) veröffentlichten sie Folksongs, die ihre Ursprünge in der Musik der Appalachen hatten.

Appalachian Music ist längst ein feststehender Genrebegriff, der die vielfältigen Musikstile subsumiert, die im 17. und 18. Jahrhundert von Einwanderern aus England, Irland und Schottland, aber auch von afroamerikanischen Sklaven in den Osten der USA importiert wurden. Charakteristisch für diese Musik sind neben einfacher Percussion verschiedene Saiteninstrumente: Die Geige beziehungsweise Fiddle natürlich, sowie das Banjo, das von Schwarzen mitgebracht wurde. Obwohl das Banjo für Bluegrass-, Blues- und Countrymusic essenziell ist, wurde es lange Zeit als „Sklaveninstrument“ verunglimpft. Man unterschlug die Beteiligung Schwarzer Musiker auf Tonaufnahmen ebenso wie die Existenz Schwarzer Cowboys verleugnet wurde (Amidon empfiehlt in diesem Zusammenhang dringend den Film „Buck And The Preacher“ mit Sidney Poitier und Harry Belafonte aus dem Jahr 1972 – worin kennt sich dieser Mann eigentlich nicht aus?).
„Appalachian Music ist zu einem Großteil genuin Schwarze Musik“, sagt Sam, „buchstäblich globale Musik. Meine Eltern haben im Übrigen nie versucht, so zu tun als seien sie Schwarz. Sie waren Hippies, die verschiedene Traditionen ausprobieren wollten. Das war in den 1970ern ja sehr angesagt.“

Fanboy & Bewunderer

Es ist faszinierend, Sam Amidon über Musik reden zu hören – sein Wissen ist enorm, seine Begeisterung ansteckend, ob es um die irische Musikszene in Boston geht, oder um die HipHop-Band A Tribe Called Quest, die er sehr liebt und die wie er die unterschiedlichsten Einflüsse in ihren Tracks verarbeiteten, beispielsweise Jazz-Stücke sampeln.

Amidon rekurriert immer wieder auf den Community-Gedanken, die Liebe zur Arbeit in Gemeinschaften, wie einst auf der Farm seiner Eltern.  Schon als Teenie gründete er dort mit seinem Bruder Stefan und Kumpel Thomas Bartlett die Contra-Dance-Band Popcorn Behaviour.  „Thomas stand auf dieselbe Art von Folkmusic wie ich. Meine anderen Freunde fanden das wohl etwas seltsam, aber es war nicht so, dass sie es verurteilten, es hatte einfach nichts mit meinem Leben in der Schule zu tun. Es war eine andere Welt. In der Schule habe ich mich für Basketballkarten und Cartoons interessiert.“

Photo: Sam Amidon. John Spinks für Monheim Triennale

Später spielte er in Bartletts Indie-Bands mit, als dieser nach New York gegangen war und auch Amidon einige Jahre dort lebte. „In New York City entdeckte ich downtown music – Leute wie die Lounge Lizards und Marc Ribot. Als ich nach New York zog und zum ersten Mal Live-Konzerte hörte, meistens in einem Club namens Tonic, war das für mich sehr inspirierend. Einige der ersten Gruppen, die ich sah, waren Charles Burnham, Don Byron, Elysian Fields, Chocolate Genius und Chris Whitley. Diese Bands spielen zu sehen, hat meinen Horizont, mein musikalisches Verständnis erweitert.“

Mit Ribot spielte Amidon später mehrfach zusammen, denn Amidon ist nicht nur Fanboy und Bewunderer musikalischer Größen – genau diese Leute wollen auch mit ihm spielen! Versuchte man, alle seine Kooperationen und Gastauftritte aufzuzählen, die Liste würde endlos. Hervorgehoben seien an dieser Stelle die Zusammenarbeit mit dem Kronos Quartett, mit experimentellen Jazzmusikern wie Bassist Shahzad Ismaily (mit dem er auch bei der Monheim Triennale 2022 zusammen spielen wird) oder Indiepopmusikerin Tune-Yards. Sam war Teil des isländischen Label-Kollektivs Bedroom Community, spielte mit dem Australian Chamber Orchestra, und – für ihn ein herausragender Moment – improvisierte spontan in der Lower East Side mit der irischen Folklegende Martin Hayes.

Die Kooperation mit seinem großen Vorbild, Jazzgitarrist Bill Frisell begann übrigens in Deutschland: 2011 trat Amidon als Gastmusiker mit Frisells Band Beautiful Dreamers in Ludwigsburg auf. Sam gerät ins Schwärmen, wenn er über Frisell spricht: „Ich habe ihn schon immer für seine unglaublich freie Art zu spielen bewundert, niemand macht das so wie er.“ Das Ludwigsburger Konzert war der Auftakt einer langfristigen und fruchtbaren Künstlerfreundschaft, die unter anderem zur Arbeit an Amidons Album „Lily-O“ führte: Sam brachte Frisell und Shahzad Ismaily in einem Studio in Island zusammen, wo sie die von Amidon ausgewählten Stücke zum ersten Mal präsentiert bekamen. Die Arrangements entstanden gemeinsam und spontan, verbinden Folk- und Jazztraditionen mit Improvisation.

Mit seiner Frau Beth Orton (ja genau: die britische Singer-/Songwriterin Beth Orton, mit der Sam seit zwölf Jahren „on and off“ in London und Los Angeles lebt, trägt er das Amidon‘sche Familienideal vom gemeinsamen Leben und Musizieren weiter: Häufig treten sie zusammen auf, spielen auf den Platten des/der jeweiligen anderen. Mit seinem Bruder Stefan Amidon, der unter anderem Schlagzeuger und Sänger der Folkband Sweetback Sisters ist, spielt er nicht formell zusammen, aber sie treten beim Silvesterkonzert in Brattleboro (Vermont) zusammen mit ihren Eltern auf. Seine Kinder bezeichnet er als „großartige Musiker“, aber er will keinen Druck ausüben, dass sie denselben Weg einschlagen wie er.

Auf seinem aktuellen, selbstbetitelten Album aus dem Jahr 2020 covert – beziehungsweise überarbeitet – Sam mit Unterstützung von Beth Orton, Akustikbassistin Ruth Goller und Saxofonist Sam Gendel acht traditionelle Folksongs sowie „Light Rain Blues“ von Taj Mahal. Für Sam ist das Album die bislang stimmigste Verwirklichung seiner kreativen Mission, was interessant ist, denn drei Jahre zuvor brachte er mit „The Following Mountain“ eine Platte ausschließlich mit Eigenkompositionen heraus. Aber auch das passt zu Amidons künstlerischem Selbstverständnis: Er erhebt nicht den Anspruch, der einzig herausragende Komponist sein zu wollen. Es sind die Songs, die zählen.

„Ich bin ja kein Prediger!“

Auf „Sam Amidon“ befindet sich auch das Traditional „Hallelujah“, dessen tiefreligiöse Lyrics er unverändert übernimmt:

„Give joy or grief, give ease or pain,
Take life or friends away
, But let me find them all again
In that eternal day /

[Chorus]
And I'll sing Hallelujah
 And you'll sing Hallelujah
 And we'll all sing Hallelujah
 When we arrive at home“

Im Video zu „Light Rain Blues“ läuft Amidon banjospielend durch die Natur und stellt in einem Fluss eine Baptistentaufe nach, auch die Stücke auf der EP „Fatal Flower Garden“, seinem Tribut an den Proto-Hippie, Verantwortlichen für die berühmte Folk Music-Anthologie, freakigen Allroundkünstler, Bohemien und „neo-gnostischen Bischof“ Harry Smith sind spirituell geprägt. Die Frage nach seiner eigenen Religiosität beantwortet Amidon nicht direkt, sondern erklärt, dass Musikerinnen und Musiker nicht religiös sein müssten, um hymnische Lieder zu spielen. „Ich beschäftige mich schon lange mit Hymnen und religiöser Musik („sacred music“), liebe Sacred-Harp-Singing (eine christlich-geistliche Form des Chorgesangs, v.a. in den Südstaaten der USA / Anm. cm). Viele Folksongs verwenden eine spirituelle Sprache. Oder denk' an Klassische Musik: Wenn du Bachs Matthäus-Passion hörst, wird dich der Klang der Musik und des Gesangs ergreifen, egal ob du gläubig bist oder nicht.“

Amidons eigener, außergewöhnlicher Gesangsstil, der sich einerseits stark zurücknimmt und andererseits wie vom Rest der Musik losgelöst scheint, ist – laut eigener Angabe – vom britischen Singer-/Songwriter Nick Drake beeinflusst. Drake, den viele als Inspiration aufführen, ist für seine melancholische, zarte Intonation bekannt. „Folk-Gesang kann sehr hart sein, regelrecht schneidend. Davon wollte ich mich abheben, heller und weicher klingen. Ich liebe aber auch den glasklaren Gesang von Almeda Riddle, einer Traditional-Sängerin aus Arkansas. Oder Paul Brady, einen irischen Folksänger, der Rockelemente in seine Songs einbaut.“

Da ist sie wieder, Amidons große Bewunderung der Kunst anderer Leute – die sich auch oder gerade dann zeigt, wenn er eigentlich über sich sprechen soll. Auf die Frage, ob er die Songs erklärt, wenn er live spielt, antwortet Sam, „Nicht auf der Bühne. Ich bin ja kein Prediger! Ich möchte, dass sich die Leute aufgerufen fühlen, später Nachforschungen zu den Stücken anzustellen, dass sie herausfinden wollen, worum es in dem betreffenden Song geht oder woher er stammt. Aber natürlich beantworte ich Fragen, wenn die Leute nach dem Konzert zu mir kommen.“

Instagram-Konzerte & richtige Auftritte

Apropos: In den letzten Monaten waren ja kaum Live-Auftritte möglich: Wie hat er diese Zeit erlebt? „Oh, ich hatte Glück, denn ich konnte einiges machen!“ Instagram-Konzerte zum Beispiel: „Das ist natürlich nicht dasselbe wie Auftritte vor anderen Menschen im selben Raum. Man sollte auch nicht so tun, als seien das „richtige“ Konzerte, es ist etwas ganz anderes. Aber ich bin froh über diese Möglichkeiten und nehme sie auch wahr. Die Resonanz, die Kommentare sind sehr wichtig für mich. Im November 2021 konnte ich sogar nach Japan reisen, um dort live zu spielen. Das war unglaublich. Ich bin dort mit Terry Riley aufgetreten, dem legendären Minimal-Komponist. Und nicht zu vergessen: das Monheim Prequel im letzten Sommer! Das war eine ganz wunderbare, besondere Erfahrung, mit den anderen Musikern und Musikerinnen in immer wieder neuen Konstellationen auf dem Boot zu spielen. Ich freue mich auf die „echte“ Triennale, auch weil es garantiert ganz anders wird. Man kann diesmal eigene Musikerinnen mitbringen, alle Beteiligten erarbeiten exklusive Programme.“

Für sein „Signature“-Projekt hat Sam Amidon neben Chris Vatalaro und Shahzad Ismaily den US-amerikanischen Avantgarde-Gitarrist und Komponist Marc Ribot eingeladen.


 

Künstlerseite Sam Amidon Signature Project: Sam Amidon Band & Very Special Guest Marc Ribot