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Robert Landfermann

Monheim Papers „Ich spiele für meinen Seelenfrieden“ von Christian Weidner
Photo: Robert Landfermann. Patrick Essex für Monheim Triennale

Robert Landfermann spielt gefühlt jeden Tag des Jahres und ist ein ständig Reisender. Er lebt in seinem Auto und wenn ich mit ihm zu Konzerten fahre, habe ich immer das Gefühl, der Kombi ist mindestens genauso fest mit ihm verwachsen wie sein Kontrabass. Jetzt aber ist alles anders und er fährt nicht quer durchs Land, sondern verbringt vier Wochen in Hamburg in Ruhe und Kontemplation. Die Roger-Willemsen-Stiftung hat ihn dorthin als Stipendiat ins mare-Künstlerhaus eingeladen. Ganz mit sich und seinem Instrument nutzt Landfermann diese Zeit und widmet sich neuer Solomusik.

2009 hat Robert Landfermann sein erstes und bisher einziges Soloalbum „Null“ veröffentlicht. Dass dies nun schon so lange her ist, verwundert nicht, schließlich ist er einer von Deutschlands meistgefragten Jazzmusikern, ist weltweit auf Tour, als Sideman, als Kollaborateur, als initiierender Bandleader, dazu ist er Bassprofessor, Kollektivgründer und Jazzspielstättenvorstandsmitglied. Und all das mit vollem Einsatz, ernsthaft und beständig, nachdrücklich und mit beseelter Hingabe.
Doch Corona krempelt alles um. Mehrere Tourneen mussten erneut abgesagt werden und der bereits Monate andauernde „Kahlschlag“ wird sich fortsetzen. Damit bleibt gleichermaßen notgedrungen wie willkommen viel Zeit für das Erforschen neuer Solo-Spielräume.

„Wie wird das mit dem Soloprogramm?“, frage ich ihn.
„Unbedingt vermeiden, dieselbe Platte nochmal aufzunehmen“, antwortet er.

Robert Landfermann ist ein Mensch, der immer weiter will und der die Furcht vorm Sich-Wiederholen und Stillstand gerne und offen zugibt – gleichwohl scheint diese Sorge ihn nicht zu bremsen. Konsequent ist er seit jeher auf seinem Weg, dabei sind ihm Wandel in der Musik und das Entdecken neuer Spielräume vertraut und scheinen ihm leicht zu fallen.
Seine musikalische Sprache ist klar und ausgereift und sein Spiel weist mit Beweglichkeit und Neugier ins Unendliche. Und wenn man ihn hört oder mit ihm spielt, spürt man, wie tief er bei sich und eins mit sich ist, und wie sehr es ihn als improvisierenden Musiker erfüllt, im Moment zu sein, im immer neuen Moment der gemeinsam mit den anderen „gefundenen“ Musik.

„Gemobbter Nerd“ am Rhein

Robert Landfermanns Werk für Monheim trägt den Titel „Rhenus“ - und ist damit Hinweis auf seine Heimat und auf eine Konstante auf seinem Lebensweg: den Rhein. Landfermann ist in Oberwinter – 150 m Luftlinie vom Rhein – als das jüngste von fünf Kindern zur Welt gekommen und aufgewachsen, ist auf einer Insel im Rhein zur Schule gegangen, dann flussabwärts nach Köln und dort als Musiker gereift.

Als er sieben Jahre alt ist, wird sein ältester Bruder sein Bass- und Gitarrenlehrer. Wobei der Zutritt zum Zimmer des neun Jahre älteren Bruders generell verboten ist, Robert darf lediglich zum Musikmachen rein. Der Bruder ist Bassist und Sänger, spielt Death Metal, leidenschaftlich, virtuosestes Zeug, hochexpressiv. Im Zimmer sind die Wände plakatiert mit Metal-Postern, dazwischen systematische Skalen- und Grifftabellen. Die musikalische Umgebung und der Einfluss sind da schon prägend: diszipliniert und fordernd, zugleich selbstbewusst und beseelt. Da ist der Weg vom Metal des Bruders zum Jazz und zur improvisierten Musik nicht weit.

In dieser „noch-E-Bass-Phase“ entdeckt Robert dann den Kontrabass und spürt große Anziehung: weitere Musiken und Klangwelten wollen entdeckt und entfaltet werden. Mit einem Leihbass kommt er an die Musikschule. Der erste Lehrer dort bringt neben wichtigen Kontrabass Grundlagen auch „Grundentspanntheit“ hinein: „Mensch setz Dich erstmal hin, ich mach Dir einen Tee“; „Ach, Du hast einen Leihbass“; „Üb mal nicht zu viel, sonst machst Du Dir nur die Hände kaputt“  – und beim ersten Improvisieren über einen Jazz-Song: “Wow, Du kannst ja schon die ganzen Skalen“.

In dieser Zeit setzt Robert jeden Morgen mit der Fähre über auf eine Insel im Rhein, zum Nonnengymnasium. Von dort kommt er schließlich als, wie er sagt, „gemobbter Nerd“ an die Musikhochschule nach Köln. Endlich an einen Ort voll Gleichgesinnter, in der das Abnormale, das Eintauchen in die eigenartige Welt von Improvisation und Jazz plötzlich der Schaffensraum vieler und nichts Ungewöhnliches ist.

Teil der goldenen Generation

Köln hat seit jeher eine international renommierte Szene sowohl für Jazzsprachen innerhalb von Form und Akkordfolgen als auch für experimentellere Ansätze und freie improvisierte Musik. Eine optimale Umgebung für Landfermann. Als Eye Opener beschreibt er die Begegnungen mit seinem Lehrer an der Musikhochschule Dieter Manderscheid: „Sachlich, objektiv, ein Möglichkeiten-Aufzeiger und Wahnsinns-Spieler voller Leidenschaft und Neugier“.  Außerdem prägend: ein Konzert des Bassisten Barre Philips im Loft. „Seine Sounds haben mich beeindruckt“, erinnert sich Landfermann an die Konzerte, „vor allem die freie Impro, was alles geht ohne Noten und mit offenen Ohren!“. Diese Erfahrungen offenbaren, welches Spektrum ihm offen steht und welche Rollen am Bass einnehmbar sind. Welten tun sich auf und unendliche Möglichkeiten.

Landfermann findet sich in Köln in einem Pool von Musikern wieder, die vielfältig verknüpft zahlreiche Projekte entwickeln. Er ist Teil einer Art „goldenen Generation“, aus der wenige Jahre später mit ihm als Gründungsmitglied das KLAENG KOLLEKTIV hervorgeht.

In dieser Umgebung wächst fortan eine besonders enge Verbindung zum Schlagzeuger Jonas Burgwinkel. Mit ihrem kongenialen Zusammenspiel entwickeln und prägen die beiden den Klang zahlreicher Ensembles und erhalten als Rhythmusgruppeneinheit 2009 den WDR-Jazzpreis.

Eine außergewöhnlich beständige und produktive Formation bilden sie im Trio mit dem Pianisten Pablo Held. Dieses Trio ist ein außergewöhnlich leuchtstarker Export der deutschen Jazzszene geworden, erhielt 2014 den SWR Jazzpreis und spielt auf Festivals weltweit. Das Label Pirouet hat im Laufe von zehn Jahren neun Alben des Pablo Held Trios (zum Teil auch mit erweiterten Besetzungen) veröffentlicht, die die musikalische Entwicklungsreise des konsequent und kontinuierlich kollektiv arbeitenden Trios dokumentieren. Ein Höhepunkt darunter ist sicher die Live-Aufnahme eines ihrer Konzerte mit der Jazzgitarren-Legende John Scofield in der Kölner Philharmonie.

Vielfach verzweigt und vernetzt

Landfermann steht in der Tradition von forschenden Musikern, deren Antrieb es ist, egal in welcher stilistischen Umgebung immer neue Räume zu erschließen. Er will nicht nur an der Oberfläche neue Wege suchen, will kein Höher-Schneller-Weiter und nicht nur immer perfekter werden auf bekannten Pfaden. Ihm liegt daran, in grundlegenderen Schichten der musikalischen Architektur anzusetzen und Spielräume aufzumachen: die Rollen in der Interaktion werden variabel, Formen werden wandelbar, neue Klangspektren werden entdeckt und werden neuartige Ausdrucksräume.

Diese musikalische Neugier und das Drängen hin zu radikaleren Spielweisen führt Landfermann bereits früh auch mit einem weiteren essentiellen Partner am Schlagzeug zusammen: Christian Lillinger. In der von Landfermann im Loft initiierten Konzertreihe „nicht ohne Robert“ ist Lillinger von Berlin aus über mehrere Jahre quasi Dauergast neben vielen namhaften internationalen Vertretern der experimentellen Szene der improvisierten Musik. Auch diese Bass-Schlagzeug Verbindung ist wie die mit Jonas Burgwinkel prägend für den Klang etlicher Projekte, darunter Christian Lillingers Formationen „Grund“ und „Open Society“ und das Trio „Grünen“ mit dem Pianisten Achim Kaufmann.

Mit dem bereits erwähnten Album „Null“ erscheint 2009 Landfermanns erstes Solo-Album und bringt im Verschmelzen beseelter melodischer Bewegung mit radikal experimentellen geräuschhaften Klangfarben eindrucksvoll seinen musikalischen Horizont auf den Punkt. Seine weiteren Veröffentlichungen auf dem von ihm mitbetriebenen KLAENG Label erweitern dieses Bild in den unterschiedlichsten Ensembleklängen: 2014 „Tiefgang“ in farbenreichem Septett aus dem Pool des Klaengkollektivs, ebenfalls 2014 im Kontrabassistenquartett „BASZ“, 2017 mit der Cellistin Elisabeth Coudoux im Duo.

Neben den zahlreichen Veröffentlichungen für das Label Pirouet unter anderen mit dem Pablo Held Trio erscheinen dort auch zwei Alben seines „Robert Landfermann Quintetts“: „Night Will Fall“ (2015) und „Brief“ (2018) – ersteres wird 2016 im „Downbeat“ in die Liste der besten Alben des Jahres aufgenommen. Diesem Quintett gehört neben dem amerikanischen Schlagzeuger Jim Black auch der österreichische Pianist Elias Stemeseder, der mittlerweile KLAENG-Kollektiv-Angehörige Saxofonist Sebastian Gillle und der Autor dieser Zeilen an.

In all diesen Besetzungen zeigt sich, dass Landfermann für seine eigenen Projekte einerseits gerne auf über längere Zeiträume gewachsene musikalische und menschliche Verbindungen setzt und andererseits immer neue Kontakte sucht und vertieft. Dies tut er auch in seinem neuen Quartett „Topaz“ mit seinem langjährigen „Grünen“-Trio-Mitspieler Achim Kaufmann und den New Yorker Musikern Ingrid Laubrock und Tom Rainey.

So ist in den letzten 20 Jahren einiges gewachsen um Robert Landfermann. Vielfach verzweigt und vernetzt ist er im besten Sinne eine herausragende lebendige und bewegende „Urgewalt“ in unserer musikalischen Gegenwart. Aus seiner Heimat Köln kommt er nun zur Triennale nach Monheim mit seinem neuesten Werk „Rhenus“, benannt nach jener Konstante auf seinem Lebensweg.

„Rhenus“ – Robert Landfermann ins potentiell orchestrale multipliziert

Für 2020 war die Premiere seiner Komposition „Rhenus“ mit achtköpfigem Ensemble geplant. Die erste Ausgabe der Triennale fiel wie vieles Corona zum Opfer. Stattdessen war Landfermann im Monheim Alternativ-Programm online im Stream im Duo mit der Harfenistin Kathrin Pechlof zu sehen und gemeinsames Gespräch mit dem Monheim-Artist-in-Residence Achim Tang über Improvisation. Und auch in 2021 gab es kein reguläres Festival – und damit noch nicht das eigentlich geplante Oktett, sondern offen improvisatorische Begegnungen mit den anderen Musikerinnen und Musikern der Monheim Triennale. Aber das, so Landfermann, war ein Gewinn in dieser Krise – die nun unverhofft mehrjährige und potentiell somit noch fruchtbarere Begegnung in dieser Konstellation von Künstlerinnen und Künstlern aus den unterschiedlichsten Welten.

Mit dem „Rhenus“ Projekt fügt sich alles zusammen. Es ist Landfermanns besetzungsmässig bisher umfangreichstes Projekt und ein Sammelbecken all seiner musikalischen Wesenszüge. Das ganze Spektrum seiner künstlerischen Persönlichkeit wird sichtbar sein und durch die immense Ausdruckstiefe seiner Mitspielerinnen und Mitspieler ins potentiell orchestrale multipliziert. Er wird hierzu einige seiner längsten und ihm nächsten Weggefährtinnen und Weggefährte nach Monheim bringen: die oben erwähnten mit ihm organisch verwachsenen und doch so unterschiedlichen Schlagzeuger Jonas Burgwinkel und Christian Lillinger, dazu zwei Musiker aus seinem Quintett, der Pianist Elias Stemeseder und der Saxophonist Sebastian Gille. Außerdem dabei sind die Harfenistin Kathrin Pechlof, in deren Trio Landfermann seit nunmehr zehn Jahren spielt, dazu der britische Trompeter Percy Pursglove und der belgische Pianist und Fender Rhodes-Spezialist Jozef Dumoulin.

Das komponierte Material Landfermanns reicht von hochkomplexen Strukturen und Texturskizzen bis zu inniger Melodie. In dieser vielfarbigen Landfermannschen Klangwelt werden er und sein Ensemble bestens aufgehoben sein – und in ihr und über sie hinaus improvisatorisch auf Reisen gehen. Hier findet sich die Botschaft, die Jazz und das Improvisieren transportiert: das Fremde willkommen zu heißen, die Vielfalt zu erkennen und im Vielfältigen auch das eigene, die exakte eigene Antwort auf die gestellte Frage des Moments zu spüren.

„Was ist Dein Ziel mit Deiner Musik?“, frage ich zum Schluss unseres Gesprächs Robert Landfermann. „Hm, klingt vielleicht naiv, aber: Seelenfrieden, ja, ich spiele für meinen Seelenfrieden. Um mit mir selbst oder meinem Leben klar zu kommen. Zu spielen hilft dem Seelenzustand mehr als dass es mich martert.“

Christian Weidner

Künstlerseite Robert Landfermann Signature Project: Robert Landfermann „Rhenus“