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Greg Fox

Monheim Papers „Ich ging das Risiko ein, habe den Sprung gewagt und fand heraus, dass es noch mehr zu entdecken gab.“ von Hank Shteamer
Photo: Katharina Poblotzki für Monheim Triennale

Nachdem er sich den Traum vieler Musiker verwirklicht hatte – als Teil einer erfolgreichen Band große Anerkennung zu erlangen – stieg Greg Fox im Jahr 2011 aus. In den letzten zwei Jahren hatte er bei Liturgy gespielt, einer New Yorker Band, die Black Metal als ekstatischen Ritus neu interpretierte, wie sie es in einem ihrer Songtitel nannten. In seiner Art Schlagzeug zu spielen erfasste Fox die stürmische Essenz des Genres, fügte aber eine erfrischende Elastizität hinzu. Sein Schlagzeugspiel stand einerseits in der Tradition des Genres war aber auch ein Angriff auf dieses – bei seiner Art zu spielen konnte die Musik atmen. Aber Monate nach der Veröffentlichung ihres prägenden Statements, dem immer noch atemberaubenden „Aesthethica“-Album, beschloss Fox, dass es genug war. „Liturgy hat Spaß gemacht und war lehrreich“, schrieb er damals dazu, „aber es ist Zeit für mich, etwas Neues zu machen.“

Mit dem Verlassen von Liturgy ist Fox nicht nur über eine bestimmte Band hinausgewachsen, sondern auch über jede Art von musikalischer Begrenzung. Die Bandbreite seines Schaffens in den letzten zehn Jahren ist beeindruckend: Freiform-elektroakustische Duos mit seinem Schlagzeuger-Kollegen Kid Millions; epischer instrumentaler Doom-Prog mit Ex Eye; Trance-induzierende minimalistische Jams mit Zs; explorative Psychedelia mit Guardian Alien; berauschende Electronica unter dem GDFX-Banner; und sogar eine kurze, aber fruchtbare Rückkehr zu Liturgy für das herausfordernde „The Ark Work“ im Jahr 2015. Und das ist nur eine kleine Auswahl.  

Bei all seinen Projekte bringt er immer seine faszinierenden Fähigkeit ein, die die Geschwindigkeit, Kraft und Beherrschung des Double-Kick-Pedals eines Metal-Schlagzeugers mit einer verblüffenden Geschmeidigkeit kombiniert, die von seinem eingehenden Studium fortgeschrittener Handtechniken herrührt. Aber in der musikalischen Welt von Fox ist Virtuosität nie Selbstzweck.

Nachdem er Liturgy verlassen hatte, kam es zu einer zufälligen Begegnung. Etwa zu dieser Zeit, sagt Fox, erwähnten Freunde von ihm immer wieder einen bekannten Namen: den von Milford Graves, dem Schlagzeuger, Philosophen, Heiler, Forscher, Kampfsportler und Allround-Visionär, der Mitte der 60er Jahre die Art Jazz-Schlagzeug zu spielen revolutioniert hat und in den Jahrzehnten danach zu einer Art geistigem Führer für Generationen von Improvisationsmusikern in New York und überall auf der Welt geworden war. Fox kannte Graves, nachdem er in einem Kurs am College zufällig von ihm gehört hatte und ihn an der Seite von John Zorn hatte spielen sehen, also beschloss er, ihm eine E-Mail zu schreiben. Einige Monate später besuchte er Graves in seinem kombinierten Schlagzeugstudio und Forschungslabor in Jamaica, Queens, und daraus entstand eine Freundschaft und Mentorenschaft, die das Weltbild von Fox grundlegend veränderte und bis zu Graves Tod im Alter von 79 Jahren Anfang 2021 andauern sollte. 

„Zu der Zeit, als ich ihn traf, fanden bei mir bereits große Veränderungen statt. Ich löste mich davon, einen Großteil meines Selbstwertes daraus zu beziehen, dass man mir sagte, ich sei wirklich gut bei meinem Schlagzeugspiel bei Liturgy“, erklärte Fox im März bei einem Zoom-Gespräch von seinem Haus in Brooklyn aus, wo sich auch sein Aufnahmestudio, das Studio Te, befindet. „Ich löste mich davon, und während ich das tat, traf ich Milford, und wir sprachen darüber, es langsamer anzugehen, dem Spiel Raum zu geben und über Kommunikation nachzudenken. Es ist nicht so, dass ich keine Erfahrung mit Improvisationen hatte, die hatte ich. Aber es hat für mich alles komplett geändert. Es führte mich langsam aus der Vorstellung heraus, ständig entscheiden zu müssen, ob jede gespielte Note cool ist oder nicht. Einfach präsent zu sein, bei dem, was in dem Moment passiert, und darauf zu vertrauen. 

Ich habe einfach versucht, mich darauf zu konzentrieren, ehrlich zu sein und nicht unbedingt zu versuchen beeindruckend zu sein – obwohl es bis zu einem gewissen Grad, vielleicht unmöglich ist, sich dem völlig zu entziehen“, fährt er fort. „Oder zu versuchen, sich keinen Kopf darum zu machen, ob man beeindruckend ist.“ 

Die Begegnung mit Graves brachte wundersame musikalische Ergebnisse hervor. Das mitreißende Solo-Album „Mitral Transmission“ von Fox aus dem Jahr 2014 entstand zum Beispiel aus Graves bahnbrechenden Forschungen darüber, wie Künstler ihren eigenen Herzrhythmus studieren und zur Verbesserung ihrer Arbeit nutzen können. „Er hat mir gezeigt, wie sich mein Herz anhört“, sagt Fox ganz sachlich. „Er zeigte mir mit meinem Herzschlag den ganzen Rhythmus, der in ihm enthalten ist.“ 

Im weiteren Sinne stellte diese Periode einen wichtigen Wendepunkt im kreativen Leben von Fox dar, den Moment, in dem er nicht nur das Bekannte hinter sich ließ, sondern auch den musikalischen Kontext, in dem andere ihn kannten. „Ich ging das Risiko ein, habe den Sprung gewagt und fand heraus, dass es noch mehr zu entdecken gab“, sagt Fox.

„Ich habe einfach versucht, mich selbst zu finden, meine wahre Stimme zu finden, Situationen zu finden, die sich gut anfühlen.“ 

Die Wahrheit ist, dass Greg Fox wahrscheinlich nie dazu bestimmt war, ein Schlagzeuger für die eine bestimmte Band oder ein bestimmtes Genre zu sein. Er wuchs in New York auf und war schon früh von der Platte seines Vaters mit Frank Zappas „Hot Rats“ und den Platten von Nine Inch Nails und The Cure verzaubert, die ein Babysitter laufen ließ, nachdem sie ihn von der Schule abgeholt hatte. In der vierten Klasse begann er Trompete zu spielen, wechselte dann ein paar Jahre später zum Schlagzeug, inspiriert von seinem Großvater mütterlicherseits, einem Amateur-Jazz-Schlagzeuger. In der High School sah er Jam-Bands im legendären New Yorker Club The Wetlands auftreten und begann, sich in bizarrere Klänge zu vertiefen, nachdem ein Freund ihm Mr. Bungle vorgespielt hatte. 

Nach seinem Schulabschluss zog er mit einem Freund nach Brooklyn und bekam einen Job in einem Musikladen in Manhattan. Dort traf er einen seiner zukünftigen musikalischen Mentoren, Guy Licata, dessen Spezialität das Übertragen der schnittigen Breakbeats von Drum 'n' Bass und Jungle aufs Schlagzeug war. Licata brachte ihm Techniken zur Steigerung der Handgeschwindigkeit bei, darunter die so genannte Push-Pull-Methode des berühmten Einhandwirbels von Buddy Rich, die ihm Licatas eigener Lehrer Jojo Mayer gezeigt hatte. Fox übte eifrig und diese Fähigkeiten sollten sich später bei Liturgy und darüber hinaus als entscheidend erweisen. 

Als Student am College im Bundesstaat New York studierte Fox abgesehen von Musik auch Studiotechnik und spielte Metal mit seinem zukünftigen Liturgy-Bandkollegen Bernard Gann. Nach dem College tourte er viel mit Teeth Mountain, einer Band, die polyrhythmisches Schlagzeugspiel mit raumgreifenden Drones kombinierte und die schließlich als Begleitband für den charismatischen Avant-Pop-Komponisten und Party-Starter Dan Deacon verpflichtet wurde. 

Als er also im Jahr 2009 bei Liturgy einstieg, passte Fox kaum in die Beschreibung eines typischen Black-Metal-Schlagzeugers. Aber die Band erwies sich als idealer Kontext für ihn, um das bisher Gelernte anzuwenden und daraus eine eigene unverwechselbare Handschrift am Schlagzeug zu entwickeln.

„Ich lernte da etwas in einer Art Jungle-Kontext und nutzte es dann in einem Metal-Kontext“, sagt Fox. „Das machte ich nicht, weil ich dachte, es sei clever, es passierte einfach. Und Liturgy ist sicherlich eine extrem ausdrucksstarke Musik, sodass ich wirklich viel von meiner Energie und Seele in das Spielen und die Anwendung dieser Technik stecken konnte. Als ich immer besser darin wurde, sie anzuwenden und sie auf verschiedene Dinge anzuwenden, fand ich plötzlich meinen eigenen Stil.“ 

Aber selbst als die Band an Momentum gewann und sein Schlagzeugspiel Aufsehen erregte (Fox wurde im Jahr 2009 in einer Rezension der New York Times von Ben Ratliff  als „einer der aufregendsten Schlagzeuger, die ich in letzter Zeit in irgendeiner Art von Musik gesehen habe“ bezeichnet), da begann Fox zu verstehen, dass Metal zu spielen nicht der Endpunkt für ihn sein würde. 

„Ich liebe diese Musik und ich liebe die Community sehr“, sagt Fox. „Aber es gab Zeiten, in denen wir auf Musikfestivals Backstage waren und ich einige der Jungs in anderen Bands sah, die den Eindruck vermittelten, als ob sie ihr ganzes Leben lang dabei gewesen wären und irgendwie aussahen, als würde ihnen das Fleisch von den Knochen fallen, und ich erinnere mich sehr deutlich daran, wie ich dachte: Ich will nicht so enden. Das will ich nicht für mich. Das bin ich nicht.“ 

Außerdem hatte Liturgy sich selbst weiterentwickelt, sie waren – wie Fox es beschreibt – „zwischenmenschlich herausfordernd“. Also stieg er aus und suchte weiter. „Ich glaube, ich habe einfach versucht, mich selbst zu finden, meine wahre Stimme zu finden, Situationen zu finden, die sich gut anfühlen“, sagt er. „Wissen Sie, ich wollte nicht glauben, dass es notwendig ist als Musiker leiden zu müssen.“

„Manchmal ist es einfach schön, ganz einfach mit seinen Freunden Rock & Roll zu spielen.“

Heutzutage sind Situationen, die sich gut anfühlen, die einzigen, für die Fox  sich Zeit nimmt. Da alle Tourneen während der Pandemie abgesagt wurden, suchte er seine Erfüllung im Schlagzeug üben, unterrichten und bei dem, was er „transformatorisches Coaching“ nennt.

Zu seinen wichtigsten Projekten der pre-Pandemie-Zeit gehört die Band Quadrinity, die auf seinem bezaubernden Soloalbum „The Gradual Progression“ aus dem Jahr 2017 aufbaut und mit der er nach Monheim kommen wird. Die Platte präsentiert Sensory Percussion, ein hochmodernes Interface, das von Fox Freund Tlacael Esparza entwickelt wurde und, wie Fox es ausdrückt, „es ermöglicht, ein akustisches Schlagzeug in einen extrem vielseitigen MIDI-Controller zu verwandeln.“ Das Ergebnis ist ein üppiger Klanggarten, in dem sich Gesang, Saxofon und Synthesizer um die abwechselnd ruhige und wuchtige Schlagzeugarbeit von Fox herum entfalten. 

Gitarrist Michael Beharie, Bassist Justin Frye und Saxofonistin Maria Kim Grand, die alle auf „The Gradual Progression“ zu hören sind, schließen sich Fox bei Quadrinity an, zusammen mit der Sängerin Angel Deradoorian. Und obwohl die Band ursprünglich aus dem Album von Fox hervorging, sagt er, dass er mehr daran interessiert ist, einen kollektiv angetriebenen Sound der Zukunft zu begrüßen.

„Dieses Projekt ist einfach irre, weil all diese Leute nicht nur einige meiner lebenden Lieblingsmusiker sind, sondern auch einige meiner Lieblingsmenschen, mit denen ich gerne Zeit verbringe“, sagt Fox. „Und ihr individuelles und kollektives Verständnis von Musik übersteigt das meine bei weitem – vor allem in theoretischer Hinsicht – und so ist es sehr cool, mit Leuten zu spielen, die auf diese Weise über Musik sprechen können. Zu hören, wie sie Musikideen diskutieren, die ich ihnen in einer Sprache präsentiert habe, die ich nicht verstehe, ist immer sehr bewegend. Und weil es Leute sind, die ich sehr liebe und denen ich zutiefst vertraue, muss ich ihnen nie sagen, was sie tun sollen – bis zu dem Grad, dass ich beschlossen habe, dass es nicht einmal meine Musik sein soll; ich will nur, dass es unsere Musik ist. Also denke ich, dass wir wahrscheinlich einfach improvisieren werden.“ 

Die gleiche Offenheit prägt auch die aktuellen Solo-Performances von Foxm bei denen er die Ästhetik von „Contact“ weiter ausbaut, seinem Soloalbum aus dem Jahr 2020, wobei er bis dato das Sensory Percussion am umfassendsten eingesetzt hat, um eine lebendige und einhüllende 3-D-Klangwelt zu schaffen.

„Nein, ehrlich. Ich weiß oft vorher noch nicht, was ich machen werde“, sagt Fox. „Wenn ich ganz solo spiele, überlege ich mir das gerne erst, wenn es fast so weit ist.“ 

Passend zu der Post-Liturgy-Offenbarung von Fox war das ursprünglich geplante Monheim-Projekt dasjenige, das am wenigsten darauf ausgerichtet ist, seine Fähigkeiten und seine sorgfältig geschliffene musikalische Sprache zu präsentieren. Es handelte sich schlicht und einfach um eine Black-Sabbath-Coverband, in der Fox, Deradoorian, Yeah Yeah Yeahs-Gitarrist Nick Zinner, Avant-Metal-Shredder der Extraklasse Mick Barr und Interpol-Tourenbassist Brad Truax orthodoxe, aber dennoch leidenschaftliche und persönliche Interpretationen von Klassikern wie „War Pigs“, „Sweet Leaf“ und „Fairies Wear Boots“ spielen. Im Jahr 2018 traten Fox, Deradoorian und Zinner zum ersten Mal gemeinsam mit Sabbath-Songs auf dem PEOPLE Festival in Berlin auf, und das Projekt wurde von da an immer weiter ausgebaut und führte im Jahr 2020 zu der Debütsingle mit dem Titel „Master of Rehearsal“.

„Wir haben das da gemacht und hatten einen Riesenspaß dabei. Dann kamen wir nach Hause und wollten einfach weitermachen damit, also dachten wir: Wen sollten wir bitten, mitzumachen? Und wir haben dann einfach Mick und Brad gefragt und sie waren gleich dabei. Und dann wurde es sehr schnell zu meiner Lieblingsband, von all denen an denen ich je beteiligt war.“

Zunächst mag es verwunderlich klingen, diese Worte aus dem Mund eines Schlagzeugers zu hören, der für Innovation und rastlose Kreativität bekannt ist. Aber im Kontext des gesamten Werdegangs von Fox – dem mühsamen Feilen an einem frischen und, ja, beeindruckenden Stil, um dann zu der Erkenntnis zu kommen, dass Musik mehr ist, als den Leuten zu zeigen, was man kann – dann macht es durchaus Sinn.

„Es ist einfach cool, etwas zu tun, das sich gut anfühlt, das den Leuten ein gutes Gefühl gibt. Es muss nicht unbedingt so etwas wie ein Guilty Pleasure sein. Ich glaube, der musikalische Kontext, in dem ich und vielleicht auch viele andere Leute um mich herum verkehren, dass alles eine tiefe Bedeutung haben muss oder bahnbrechend oder kantig oder grenzüberschreitend oder transgressiv sein muss, das ist manchmal einfach anstrengend. Manchmal ist es einfach schön, ganz einfach mit seinen Freunden Rock & Roll zu spielen.“

Wenn er über seine Pläne für das Jahr 2021 nachdenkt, ein Jahrzehnt, nachdem er den Sprung gewagt und seine musikalische Komfortzone hinter sich gelassen hat, klingt er sicherer denn je, was sich für ihn gut anfühlt – und was er an Musik als Ganzes schätzt.

„Wenn man jemanden spielen sieht, ist es ein großer Unterschied, ob jemand zeigt, was er kann, oder ob er zeigt, was er fühlt“, sagt Fox. „Letzteres hat mich einfach immer mehr angesprochen.“

Hank Shteamer

Künstlerseite Greg Fox Signature Project: Greg Fox „Quadrinity+“